Corona: Riskieren wir mit den Lockerungen eine zweite Welle? | Possoch klärt | BR24

Von BR24
Veröffentlicht am 28.05.2020


Knapp 30 Corona-Infektionen, die mit nem Restaurant-Besuch
in Ostfriesland zusammenhängen, mehr als
100 Covid-19-Infizierte nach einem Gottesdienst
in Frankfurt, Schlachthöfe sind weltweit
Corona-Hotspots.
Auf der anderen Seite die Schlagzeilen: Thüringen
will die Corona-Maßnahmen eventuell komplett
lockern; Baden-Württemberg will Kitas und
Grundschulen öffnen, und auch andere Bundesländer
lockern immer mehr.
Lockern wir zu früh?
Riskieren wir so eine zweite Welle, die uns
mit voller Wucht trifft?
Jetzt!
Zunächst machen wir das mal präziser mit
Thüringen, was hat Ministerpräsident Ramelow
gesagt?
„Wer die Grundrechte der Bürger einschränkt,
der muss begründen, was die Grundlage dafür
ist.
Corona ist nicht harmlos geworden und das
Virus wirkt nach wie vor, die Risikogruppen
müssen weiterhin geschützt werden.
Die Frage ist nur, ob Mittel und Wege und
Methoden noch angemessen sind, wenn in der
Hälfte meiner Landkreise überhaupt keine
Infektionen mehr stattfinden, dort weiterhin
Krisenstäbe 24/7 am Start zu halten.
Dann stärke ich doch lieber die Gesundheitsämter,
um jedem einzelnen Infizierten beizustehen
und zu helfen, dass er niemand weiteren mehr
infiziert.“
Keine Allgemeinverordnung mehr, in der eben
pauschal drinsteht: Abstand und Masken, sondern
Spezialverordnungen für einzelne Branchen,
in denen dann zum Beispiel steht: Wenn in
Zug, Bus, Bahn unterwegs, dann Abstand und
Maske.
Außerdem hat Ramelow gesagt, dass wir von
Verboten in Gebote übergehen müssen, damit
die Menschen selber spüren, sie müssen sich
auch selber schützen wollen.
Mehr Freiheit und Verantwortung für den Einzelnen.
Das hat so was Schwedisches… und kommt nicht
bei allen Ministerpräsidenten gut an.
„Wir könnten auch erwarten, dass im Straßenverkehr
sich immer jeder perfekt benimmt auf Eigenverantwortung,
trotzdem gibt es da Regeln dafür.
Weil es so besser funktioniert.
Wir müssen ja auch manchen Unvernünftigen
vor sich selbst schützen, aber auch dafür
sorgen, dass der Unvernünftige nicht die
Gemeinschaft herausfordert und gefährdet.
Ich glaube, wir haben bislang die richtige
Balance bekommen.
Vor jedem Verfassungsgericht haben all die
Maßnahmen bislang Bestand gehabt und Verfassungsrichter
prüfen sehr genau und sehr intensiv die Eingriffe.
Ich glaube, wenn man schaut nochmal, wie in
anderen Ländern der Welt stattfindet oder
Europa, haben wir in Deutschland das Land
gut beschützt und wir sollten den Weg der
Sicherheit nicht verlassen.“
Was diese Ausbrüche in dem Restaurant in
Leer, Ostfriesland und in dem Gottesdienst
in Frankfurt gemeinsam haben: Da waren die
Leute drinnen und sie haben gesagt: wir hätten
schon auf Hygiene und Abstand geachtet.
Das rückt nun eben das Aerosol in den Fokus.
Die Frage ist ja: Wie infiziert das neuartige
Coronavirus?
Und da sind im Laufe der Zeit natürlich immer
mehr, neue Informationen zusammengekommen,
nicht nur aus diesen Einzelbeobachtungen von
solchen Ausbrüchen, sondern auch aus der
wissenschaftlichen Literatur und da verstärkt
sich eben der Eindruck, dass wir zusätzlich
zur Tröpfcheninfektion - also jemand hustet,
niest, spricht infektiöse Tröpfchen raus
und die Fliegen mir ins Gesicht – auch eine
deutliche Komponente von Aerosolinfektionen
haben.
Wenn ich spreche, und viel mehr natürlich
beim niesen, husten, singen, gebe ich Speicheltröpfchen
ab.
Einige von diesen sind sehr klein, Mikroteilchen
und wenn ich krank bin, haben die auch das
Virus in sich, zwar nicht viel, weil die eben
so klein sind, aber weil die eben so klein
sind, sind sie auch so leicht, dass sie nicht
zu Boden sinken, sondern längere Zeit in
der Luft schweben können: als Aerosol.
Im Durchschnitt bleiben die 12 Minuten in
der Luft.
Das hat eine US-Studie untersucht.
Da hat einer in nem geschlossenen Raum 25
Sekunden lang laut den Satz „Stay Healthy“
gesagt.
Und die Tröpfchen, die er dabei rausgehauen
hat, haben sie beleuchtet, sichtbar gemacht
und gezählt und geschaut, wie lange stehen
die in der Luft.
Eben im Schnitt 12 Minuten.
Virologe Christian Drosten schätzt, dass
die Hälfte der Übertragungen Aerosol ist.
Fast die andere Hälfte wäre dann Tröpfchen
und der ganz kleine Teil Kontakt bzw.
Schmierinfektion.
Was heißt das jetzt konkret für Dich?
Wenn es denn so ist, dass das Virus in der
Raumluft steht, dann muss die bewegt werden:
Fenster auf, Ventilator an, Tür n Spalt auf.
Dann kann man diese Aerosolkomponente verringern.
Und generell: sich draußen an der frischen
Luft zu treffen ist, was Infektionen angeht,
dann auch immer sicherer.
Manche Virologen gehen da sogar so weit und
sagen: da ist auch ein 2-Meter-Abstand nicht
mehr kriegsentscheidend, weil das Virus eh
wegweht – ein bisschen Wind geht ja fast
immer.
Das heißt, das Mantra: Hände waschen, Desinfizieren,
Hände waschen kann ein bisschen variiert
werden: Lüften, lüften lüften!
Und natürlich auch mal Hände waschen.
Und trotzdem: diese Ausbrüche in Niedersachsen
und Hessen...
Ist das schon eine frühe Quittung fürs zu
schnelle Lockern?
Die Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut
zum Beispiel sagt: Das ist wie bei einem Waldbrand.
Wir löschen und haben es schon fast geschafft
und dann sagen wir: Feierabend und gehen nach
Hause.
Die Glut glimmt aber noch vor sich hin und
kann jederzeit wieder entfachen.
Das ist eben ihr Vergleich mit der Pandemie,
dem Lockdown und den Lockerungen.
Lockern wir uns tatsächlich wieder rein in
eine unkontrollierbare Seuche?
Darüber spreche ich jetzt mit Jeanne Turczynski
aus der BR-Wissenschaftsredaktion:
Diese Ausbruchsereignisse, müssen die uns
besorgen oder sind die normal – das passiert
halt, wenn man lockert?
„Also eigentlich ist das ein ganz normaler
Vorgang, wir wissen ja, das Virus ist nicht
weg, sondern es ist zurückgedrängt und es
ist klar, wenn wir wieder mehr Möglichkeiten
schaffen, wo wir uns begegnen, und neue, potentielle
Infektionsmöglichkeiten schaffen, dann ist
erstmal ganz klar, dass das Virus zurückkommt.
Hoffentlich lokal begrenzt zurückkommt, aber
es zeigt eben, dass wir immer noch mit dieser
Gefahr leben müssen und uns einfach an bestimme
Regeln weiterhin halten sollten.“
Wie ist dann zu deuten, wenn Thüringen sagt:
Wir haben Landkreise, in denen gab’s keine
Neu-Infektionen mehr, dann kann man das ja
alles mal beiseite lassen.
Geht diese Rechnung auf oder ist das ein hochgefährliches
Experiment?
„Die Meinung der Experten geht da auseinander.
Es gibt viele, die das sehr kritisieren.
Ich finde das politische Signal schwierig,
wenn das Signal ist: Die Epidemie ist weg
und die Gefahr ist weg, dann ist das schwierig.
Grundsätzlich ist es aber so: da, wo wenig
Infektionsgeschehen ist, da können wir anders
reagieren als in Regionen, wo wir mit vielen
Infektionen zu kämpfen haben.
Das Problem ist: Die Behörden müssen dann
sehr schnell reagieren können.
Und was wir gesehen haben – auch durch Recherchen
von Kollegen bei uns im Haus – dass die
Gesundheitsbehörden eben nicht so schnell
reagieren können, wie es eigentlich nötig
wäre.
Das hängt mit dem Meldesystem zusammen, das
ist antiquiert, das ist langsam, wir haben
wirklich eine Melde-Verzögerung.
Und da sehe ich ein bisschen die Gefahr, wenn
wir irgendwann wieder Ausbrüche haben, dass
wir die etwas zu spät mitbekommen.
Ich glaube, da müsste unser Gesundheits-
und Kontrollsystem etwas schneller reagieren
können als das bislang der Fall ist.“
Wenn wir sagen: wir machen jetzt Lockerungen,
die sind ja auch schon da und es kommen weitere…
Diese wiedergewonnenen Freiheiten, erkaufen
wir die uns mit einem noch härteren Lockdown
im Herbst?
Ganz salopp: Beißt uns das im Herbst in den
Hintern mit einer noch härteren zweiten Welle?
„Das kann man nicht ausschließen, aber
ich kann es auch nicht mit Sicherheit sagen.
Ich hoffe nicht, dass es so kommt, aber ich
hoffe eben auch, dass die Menschen nach wie
vor so besonnen sind, dass ihnen doch klar
ist, dass wir noch nicht eine Vor-Corona-Zeit
haben.
Wenn wir jetzt lockern, sollten wir uns immer
noch an die Abstandsregeln halten, die Masken
tragen, die Hygiene-Regeln einhalten.
Das wäre ein unbedingter Apell, das weiterhin
zu machen und das auch zu kontrollieren.
Ich glaube, es gibt eine gute Chance, dass
wir das alles kontrollieren können, vielleicht
auch lokal begrenzt kontrollieren können.
Wenn die Menschen zu unvorsichtig werden und
wenn die Signale aus der Politik auch zu undurchsichtig
werden, wenn zu viele Linien da durcheinandergehen,
dann sehe ich schon die Gefahr, dass uns das
im Herbst nochmal heimsuchen kann.“
Was sagst Du denn?
Lockern wir zu früh?
Dazu noch eine kleine Anmerkung, gerade, wenn
jetzt das Argument kommt: was bringt ein Lockdown,
wenn der unsere Wirtschaft killt.
Es gibt ein Paper, eine gemeinsame Studie
des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung
und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung.
Und diese Studie sagt: Es stimmt nicht, dass
die Interessen des Gesundheitsschutzes im
Gegensatz zu den Interessen der Wirtschaft
stehen.
Weil: also erstmal: keine Maßnahmen, will
niemand, weil dann zu viele Menschen sterben,
zu strenge Maßnahmen sind logischerweise
für die Wirtschaft extrem herausfordernd,
aber: zu lasche Maßnahmen, also zu weitgehende
Lockerungen sind für die Wirtschaft genauso
schlecht, weil diese Beschränkungen dann
so lange bleiben müssten, dass die Kosten
für die Wirtschaft insgesamt wieder höher
werden als wenn es eben zeitlich klarer definiertere,
strengere Regelungen gibt.
Es gibt ihn also, den perfekten Mittelweg
zwischen Wirtschaft und Gesundheit.
Das ist eine wirklich interessante und lesenswerte
Studie dazu, knapp zehn Seiten, hab ich Dir
in der Videobeschreibung verlinkt!
Vielleicht schaust Du mal rein!
Also, lockern wir zu früh?
Was sagst Du?
In die Kommentare!
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Eine Playlist mit meinen Corona-Videos findest
Du hier: Da geht’s unter anderem um Bill
Gates, die USA, den schwedischen Weg.
Einfach mal reinklicken und liken, bitte auch
das Video hier.
Merci und ich seh Dich gesund im nächsten
Video!

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