Warum "All Lives Matter" falsch und was unser Problem mit Rassismus ist | Possoch klärt | BR24

Von BR24
Veröffentlicht am 04.06.2020


In den USA stirbt der Schwarze George Floyd
in Folge eines brutalen Polizeieinsatzes,
es gibt Proteste im ganzen Land, friedlich
und weniger friedlich
und der Hashtag
Black Lives Matter geht durch die Decke.
Dazu gesellt sich – vor allem in den Kommentaren
– aber immer häufiger der Hashtag All Lives
Matter.
Warum dieser Hashtag und die Haltung, die
dahintersteckt, höchst problematisch sind,
was unser Problem – und damit meine ich
uns Weiße – mit Rassismus ist und wie jeder
was gegen Diskriminierung tun kann: Jetzt!
Ich bin weiß.
Ich habe Rassismus nie erfahren.
Ich profitiere von der Konstruktion der Rassifizierung,
also die Vorstellung, die eine bestimmte ethnische
Gruppe als einer anderen ethnischen Gruppe
unterlegen oder überlegen betrachtet.
Und ich weiß, dass ein Gespräch über Rassismus
oft unangenehm ist, weil: „Gerade Rassismus
gegen Schwarze, ist ja hauptsächlich ein
Problem in den USA, siehe George Floyd und
die Polizeigewalt und so.
Aber hier in Deutschland?
Ich meine, gerade nach 45 ist das ja eher
ein Problem von Rechten hier…“
Weiße Menschen sprechen nicht gerne über
Rassismus und tun viel dafür, das Thema von
sich fernzuhalten.
Das sagt Alice Hasters.
Sie ist Journalistin und Autorin.
Und sie hat das Buch geschrieben: Was weiße
Menschen nicht über Rassismus hören wollen,
aber wissen sollten.
Darin schreibt sie: Viele sagen, sie sind
es so müde, darüber zu reden – dabei haben
wir noch gar nicht richtig damit angefangen.
Das, was müde macht, ist, dass viele das
Thema andauernd ignorieren.
Also, dann schauen wir uns doch mal den Hashtag
Black Lives Matter an: Vor allem nach dem
brutalen Tod von George Floyd ist der wieder
hochgekommen.
Und er soll zum einen darauf aufmerksam machen,
dass Schwarze Leben von Bedeutung sind und
dann wird der Hashtag auch dafür verwendet,
wichtige Updates zu posten bzw. unter diesem
Hashtag zu bündeln.
Wie laufen die Proteste, wo ist es für Schwarze
gefährlich und so weiter.
Viele verwenden den Hashtag auch, um sich
mit dieser Bewegung zu solidarisieren.
Was gerade beim Blackout Tuesday auch mehr
Schaden als Nutzen gebracht hat: Bei diesem
Blackout Tuesday ging es darum, dass ich als
Weißer mal die Klappe halte und zuhöre und
denen das Reden überlasse, denen sonst nicht
zugehört wird.
Wenn ich dann aber denke: naja, so ein paar
Hashtags dazu, damit man auch sieht, dass
ich da mitmache, könnten da ja schon dabei
sein und zack waren unter dem Hashtag Black
Lives Matter eben keine Updates und Bilder
von Demos mehr zu finden, sondern nur noch
schwarze Quadrate.
Was hier vielleicht unglücklich und dumm
gelaufen ist, ist beim Hashtag All Lives Matter
als Antwort auf Black Lives Matter höchst
problematisch.
Dieser Hashtag kommt ja vorwiegend von Weißen
und der soll auch suggerieren: Leute, das
Problem mit Rassismus ist doch überwunden.
Wir alle sind wichtig…
Niemand sagt, dass weiße Leben nicht wichtig
sind, niemand sagt, dass ein Leben als Weißer
nicht auch hart sein kann – ehrlicherweise
sagt niemand irgendwas über uns, aber der
Hashtag All Lives Matter ist ein Weg, dass
sich wieder alles um uns dreht.
Aber um uns geht es jetzt halt nicht.
Wir sind nicht in Not.
Wir sind nicht in Gefahr.
Wenn ein Haus brennt, rufen wir auch nicht
die Feuerwehr und sagen: Alle Häuser sind
wichtig, bitte meins löschen, auch wenn es
nicht brennt.
Weil alle Häuser sind wichtig.
Das hat die Sängerin Billie Eilish auf Instagram
gepostet und darauf hingewiesen, dass die
Hautfarbe – unabhängig vom Einkommen – den
gesellschaftlichen Status mitbestimmt und
dass viele weiße US-Amerikaner*innen davon
profitieren:
"Deine Hautfarbe gibt dir mehr Privilegien
als du glaubst.
Und niemand sagt, dass es dich besser macht
als andere.
Es lässt dich nur leben, ohne dir Sorgen
machen zu müssen, ob du wegen deiner Hautfarbe
überleben wirst.
Wenn alle Leben zählen, warum werden Schwarze
Menschen getötet, weil sie Schwarz sind?
Warum werden Immigranten verfolgt?
Warum werden weißen Menschen Möglichkeiten
gegeben, die Menschen anderer Rassen verwehrt
bleiben?"
In Deutschland haben wir das Problem, dass
viele nicht zwischen Rassismus und Rechtsradikalismus
unterscheiden.
„Der hat was Rassistisches gesagt, der Nazi!“
Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten
Rand, vor allem: das ist nicht nur eine rein
individuelle Haltung.
Rassismus ist ein System.
Und dieser systemische Rassismus ist schon
lange und massiv in der Welt verankert.
Und dazu gehört auch, dass denen, die von
Rassismus betroffen sind, nicht geglaubt wird.
„In unserer aufgeklärten Welt, das ist
doch wohl die absolute Ausnahme“ oder „Ich
glaube, da stellst Du dich auch ein bisschen
an und bist arg sensibel…“ In der Psychologie
nennt man diese Dynamik Täter-Opfer-Umkehr.
Eine Dynamik, die auch weit oben im Kurs steht:
Whataboutism.
Also der Versuch, soziale Probleme und Diskurse
zu hierarchisieren.
„Ja, Rassismus, schön und gut, aber was
ist mit… XYZ.
Sind doch viel dringendere Probleme.“
„Aha, Du hast also Black Lives Matter gepostet,
aber für unsere Rentner postest Du nix!“
Diskriminierung ist kein Wettbewerb.
Rassismus ignorieren zu können, ist ein weißes
Privileg.
Ich poste ein schwarzes Quadrat am Blackout
Tuesday und damit hab‘ ich meinen Teil getan.
Die Welt kann sich am Mittwoch schön wieder
um mich drehen.
Wer wirklich etwas gegen Diskriminierung tun
möchte, sollte bei sich selbst anfangen.
Vor allem diejenigen, die nicht betroffen
sind, müssen sich bewegen, das ist anstrengend.
Was easy geht: Aufmerksam sein, nicht mehr
still sein, wenn im Umfeld was Rassistisches
gesagt wird: Ein blöder Witz, ein heimlicher
Gedanke, ein unüberlegtes Vorurteil.
Rassismus wird nicht erst Rassismus, wenn
er böse gemeint ist.
Und natürlich: sich stärker mit dem Thema
auseinandersetzen.
Ich hab‘ Dir auch ein paar Links dazu in
die Videobeschreibung gepackt, da kannst Du
gerne mal reinschauen.
Den BR24-Kanal kannst Du hier abonnieren.
Außerdem freue ich mich, wenn Du dieses Video
hier likst und vielleicht teilst, wenn Du
sagst: „Der ein oder andere kluge Gedanke
ist dabei gewesen.“
Eine Playlist mit den ganzen „Possoch klärt“s,
die ich bislang schon gemacht habe, hab ich
Dir hier verlinkt, da darfst Du auch gerne
einmal reinklicken.
Jetzt sag ich noch: Merci und ich seh‘ Dich
im nächsten Video!

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