Billigfleisch: Liebe Fleischlose, hört bitte auf, Euch überheblich zu fühlen | Possoch klärt | BR24

Von BR24
Veröffentlicht am 25.06.2020


Ich esse Fleisch, gerne sogar.
Und jetzt muss ich mich wieder schlecht fühlen…
Weil es einen massiven Ausbruch des Coronavirus‘
in Deutschlands größtem Schlachthof für
Schweine gibt und das wiedermal ein Schlaglicht
auf die Branche wirft:
Hygienische Missstände, schlimme Arbeitsbedingungen,
das Leiden der Tiere, die Umweltbelastung.
Die Debatte um Billigfleisch – führen wir
nicht zum ersten Mal.
Und noch nie hat das wirklich was an unserem
Fleischkonsum geändert.
Es zeigt uns jetzt zum einen: Corona ist nicht
weg, ne?
Zum anderen aber, gerade wenn wir mal in den
Kommentaren zu Berichten über die Situation
lesen: Die Fraktion Fleischlos kommt sich
wieder wahnsinnig überlegen vor.
Warum das in dieser Debatte gar nichts bringt,
warum Fleischessen unsere Identität ausmacht
und was das alles schon wieder mit Sigmund
Freud und Sex zu tun hat: Jetzt!
Im Schnitt essen wir in einer Woche bisschen
mehr als ein Kilogramm Fleisch.
Egal, welche „Skandale“ in der Fleischbranche
so passieren.
Natürlich sagt ein Großteil aber auch: Schon
nicht so gut, wie da mit den Tieren umgegangen
wird… oh, Schnitzel für 1,50?!
Da nehm ich aber gleich mal drei Packungen!
Wie passt das zusammen?
Um das zu verstehen, muss man schon Ernährungspsychologe
sein.
So wie Christoph Klotter, Professor an der
Hochschule Fulda.
„Wir Menschen lieben es, wegzuschauen.
Es gibt einen amerikanischen Psychologen Kelly,
der hat vor X Jahren erklärt: Wir denken
in Konstrukten.
Die Konstrukte können völlig widersprüchlich
sein, aber wir fühlen uns total stimmig.
Ich werd vorm Discounter gefilmt vom Fernsehteam
und sie fragen mich: Nach welchen Kriterien
kaufen Sie ein?
Ich sag: Es muss alles regional sein.
Sag ich vorm Discounter… Also völlig absurd.
Vielleicht mal anders formuliert: Fleisch
steht in der Menschheitsgeschichte für Macht,
Überleben, Wohlstand und männliches Geschlecht.
Ganz klar.
Eine Autorin, Nan Mellinger, hat das so formuliert:
Die Frau ist das Fleisch und der Mann isst
das Fleisch [Satz reinklicken, damit man den
Unterschied sieht].
Einmal mit S und einmal mit Doppel-S geschrieben.
Das ist ein Verhältnis, was in fast allen
Kulturen vorhanden ist.“
Fleisch steht für Luxus.
Und zwar seit und für lange Zeit.
Früher, vor 100, 200 Jahren, da war selbst
der Sonntagsbraten für die allermeisten Menschen
unbezahlbar.
Das heißt auch, wenn sie mal Fleisch essen
konnten, konnten sie unglaublich froh sein.
Durch die Industrialisierung, dadurch, dass
die ganze Lebensmittelproduktion immer technischer
geworden ist, viel mehr produziert werden
konnte, ab dann ist es erst nach und nach
für die Leute bezahlbar geworden.
Und so ist Fleisch zum Symbol geworden dafür,
dass ich am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben
kann.
„Wer jetzt Hartz-IV-Bezieher ist, schätzt
sich glücklich, jeden Tag günstiges Fleisch
kaufen zu können.
Und damit beweist er: er gehört dazu, der
Hartz-IV-Bezieher.
Wenn er kein Fleisch mehr essen darf, wenn
sich die Fleischpreise erhöhen, dann steht
er schlecht dar.
Das ist die eine Richtung.
Die andere Richtung ist, das, in dem Augenblick,
wo alle Fleisch essen können, seit ungefähr
50 Jahren, da versuchen sich „die da oben“
anders abzugrenzen, nicht durch das Fleisch,
nicht durch das Steak, nicht durch den Champagner
oder Austern, was auch immer, sondern durch
Vegetarismus und Qualitätsessen.
Und dann wird sozusagen auf die Dummen da
unten geschaut, die’s immer noch nicht begriffen
haben und unökologisch Fleisch essen.“
Das ist also im besten Sinne ein Klassenkampf.
Die Vegetarier und Veganer da oben gegen die
Fleischesser da unten.
Es gibt ja den alten Gag: Woher weiß man,
dass einer vegan ist?
Er erzählt es Dir.
Dieses Missionarische fast, das rührt auch
aus diesem Überlegenheitsgefühl heraus.
Ich bin Dir überlegen, weil ich kein Fleisch
esse.
„Das kommt daher, dass wir denken: die böse
Tierhaltung.
Deswegen esse ich kein Fleisch mehr, deswegen
bin ich ein guter Mensch und kann auf die
andere runterschauen.
Aber, was klar ist und das hat der Begründer
der Psychoanalyse wunderbar formuliert: Essen
ist ein oralsadistischer Akt.
Betonung auf sadistisch.
Das heißt, wenn wir überleben, müssen wir
gewalttätig sein, was zermalmen.
Stellen Sie sich vor, wir essen, dann macht
es krach, krach, krach.
Es macht hässliche Geräusche.
Und wir versuchen, zu verdrängen, dass wir
uns schuldig machen.
Wir sind gewalttätig beim Essen.
Wir machen uns schuldig.
Und wenn wir vegan, wenn wir vegetarisch sind,
dann können wir die Schuld noch besser wegschieben.
Dann schieben wir sie ganz weit dahinten in
die Ecke.
Und ich hab nie mitbekommen, dass ich Lebewesen
– und Pflanzen sind Lebewesen – dass ich
die zerstöre, wenn ich esse und wenn ich
überlebe.“
Man fühlt sich überlegen, ist es aber eigentlich
gar nicht.
Ich meine: klar, es gibt ökologische Probleme
der Fleischindustrie.
Soja, das ist das Kraftfutter für die Tiere,
da ist die Menge, die produziert wird, im
Laufe der vergangenen Jahre immer größer
geworden, das heißt, es braucht auch immer
größere Anbauflächen.
In Südamerika ist diese Fläche größer
als Deutschland, Frankreich und die Beneluxländer
zusammen.
Und dann muss das ja noch von Südamerika
nach Europa transportiert werden.
Also ja, das ist eine ökologische Katastrophe.
Insofern verstehe ich diejenigen, die sagen:
deshalb esse ich kein Fleisch.
Und ehrlich gesagt, jeden Tag Fleisch essen
ist heutzutage auch nicht mehr das Gesündeste.
Aber warum müssen sie sich gleich so wahnsinnig
überlegen fühlen?
Warum sind bei dieser Diskussion generell
die Fronten so verhärtet?
Schau nur mal in die Kommis bei irgendnem
Video auf YouTube, wo’s um Vegetarier, Veganer
oder Fleischproduktion geht und Du denkst,
da bricht gleich der dritte Weltkrieg aus…
Warum ist das so?
Weil wir in einer in sich polarisierenden
Gesellschaft leben, also in einer Gesellschaft,
in der es zum Teil kontrovers unterschiedliche
Meinungen gibt.
„Es gibt ja diese Polarisierung nicht nur
zwischen Vegetarismus und Fleischessern, sondern
auch politisch, AfD, was auch immer, wir leben
in einem Zeitalter der Polarisierung.
Ich versuche dem entgegenzuwirken, indem ich
dafür plädiere: Wir versuchen, den anderen
Mal zu verstehen.
Wir schlagen nicht auf ihn ein, sondern wir
versuchen den Fleischesser zu verstehen: Warum
isst er Fleisch?
Er isst in der Regel deshalb Fleisch, um sich
als Mann zu fühlen, weil ihm die Kriege ausgegangen
sind, und wenn er sozial prekär ist, dann
isst er Fleisch.
Ganz einfach.
Und auf den noch einzuschlagen, finde ich
nicht besonders lustig.
Ich finde das gehässige Gerede gegenüber
Vegetarier*innen genauso wenig erfreulich.
Ich plädiere für ein Miteinander, dass wir
versuchen, den anderen über das, wie er isst,
zu verstehen.
Essen ist die primäre Plattform für Identitätsbildung.
Wenn ich den anderen nur angreife, dann mache
ich kein Versuch, zu verstehen, warum jemand
täglich Fleisch essen muss.“
Du bist, was Du isst.
Ich weiß nicht, wie es bei Dir ist, aber
ich würde nicht sagen: ich esse Fleisch,
weil mir die Kriege ausgegangen sind und ich
mich aber trotzdem männlich fühlen will,
sondern ich esse Fleisch, weil es mir schmeckt.
Es geht einfach darum, Verständnis für den
anderen zu haben.
Wenn einer sagt, ich esse gerne Fleisch und
ich kann mir nur das Billigfleisch leisten.
Das verstehe ich ja, dem kann ich ja nicht
sagen: Das darfst Du nicht essen und ich stelle
den dann direkt in die Ecke.
Derjenige muss halt zum Discounter gehen,
der kann sich die Super-Bio-Öko-Metzgerei
nicht leisten.
Die Essensweise von jemandem zu verstehen,
heißt auch, dessen Lebensweise zu verstehen.
„Ich nenne ein Beispiel.
Meine Frau und ich waren Sommer letzten Jahres
auf einem Fest in Franken.
Da hat ein Mann in ungefähr zwei Stunden
neun Würstchen gegessen.
Was ich ne Leistung finde und ein anderer
Mann hat innerhalb des gleichen Zeitraums
n Sixpack 0,5l Bier getrunken.
Was ich auch ne Leistung finde.
Aber anstatt zu sagen: Das dürfen die nicht
oder Das ist unmöglich.
Oder was auch immer.
Es ist halt für die ein fränkisches Fest
und wenn man in Franken feiert, dann wird
gegessen und gesoffen bis zum… ja.
Und das müssen wir dann verstehen.
Es gibt dann andere Regionen, wo’s nicht
so ist.
Aber wenn Franken sich treffen, feiern gleich
Bier.
Punkt.
Und soll ich da was gegen sagen?
Soll ich sagen, das sei gesundheitsabträglich?
Das ist doch lächerlich.
Nicht zu feiern ist gesundheitsabträglich.“
Leben und leben lassen.
Oder eben: Essen und essen lassen.
Ist halt nicht so einfach.
Da braucht’s nur eine kleine Andeutung,
dass eine Partei einen Veggie Day gut finden
würde und schon… *explosionsgeräusch*
„Weil das Essen gehört seit 200 Jahren
zur Sphäre des Privaten.
Da darf mir niemand reinreden.
Und wer mir reinredet, der versucht meine
Lebensweise anzugreifen und dann habe ich
nicht mehr meine eigene Persönlichkeit.
Wir sind da unglaublich empfindlich.
[…] Deshalb sagen wir: Das Essen ist das
Private.
Stellen Sie sich vor, Ihre Krankenversicherung
würden Ihnen sagen, sie sollen in der Woche
fünf Mal Sex haben, weil es gesund ist.
Und sie kriegen Boni von der Krankenkasse,
wenn Sie fünf Mal Sex, wenn Sie’s nachweisen
können, ja?
Per Videoaufnahme, was auch immer, mit Tag-Einblendung.
Das wäre genau der vergleichbare Eingriff,
uns wird vorgeschrieben, wie häufig Sex,
welcher Sex und welche Art des Essens, in
welchem Umfang.
Das ist ein Angriff auf meine Persönlichkeit.“
Da wären wir auch bei der Antwort: Was Fleischessen
mit Sex zu tun.
Wie ist es jetzt, wenn Du nicht zu der Fraktion
gehörst, die sagt: Hauptsache Fleisch, mir
alles Wurst, sondern sagst: Ja, ich esse gerne
Fleisch und will auch weiterhin Fleisch essen,
aber die Nachrichten über das, was da in
der Fleischindustrie passiert, das lässt
mich auch nicht kalt?
Ganz konkreter Tipp vom Ernährungspsychologen:
„Zu Dir gehört Fleisch dazu.
Unbedingt.
Ganz klar.
Aber vielleicht kannst Du die Quantität durch
die Qualität ersetzen.
Du isst dann nicht in der Woche sieben Mal
günstiges Fleisch, sondern Du isst in der
Woche zwei Mal super tolles Fleisch.
Ist das ne Idee?
Das kann dann ja jeder noch selber quantifizieren,
wie häufig, aber einfach die Faustformel
ist, die Quantität durch die Qualität ersetzen.“
Und Du so?
Kommentare, wenn wir sie nicht dichtgemacht
haben, weil schon wieder der dritte Weltkrieg
ausgebrochen ist.
Bevor Du abzischst, lasst doch gerne ein Like
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Hier findeste noch eine kleine Reportage aus
dem größten Rinderschlachthof Deutschlands
in Waldkraiburg in Bayern.
Merci und ich seh Dich im nächsten Video!

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