Während Corona: Online-Milliardäre kündigen Mietern | frontal

Von ZDFheute Nachrichten
Veröffentlicht am 02.07.2020


Diese Menschen haben Angst, ihre Wohnung zu
verlieren.
Und das mitten im Corona-Ausnahmezustand.
“Da kam ein Bote und hat gesagt: Ich habe
einen Brief für Sie, wahrscheinlich die Kündigung.
Dann habe ich den aufgemacht, hab gesagt:
Wie Kündigung im Lockdown?
Sie wohnen und arbeiten in dieser alten Fabriketage.
Ihr Haus wurde an einen Investoren verkauft.
“Also wir haben ein halbes Jahr krass gekämpft
und dann kam der Hammer, dass wir das trotzdem
verloren haben.”
Seither leben die Mieter in ständiger Unsicherheit,
fürchten ihr gewohntes Umfeld zu verlieren,
fühlen sich ausgeliefert.
“So mitzubekommen, da ist jemand oder da
ist ein Unternehmen, das sehr viel Geld hat,
dagegen kann ich nichts machen.”
Wir finden heraus, wer hinter den Kündigungen
steckt – und stoßen auf ein unübersichtliches
Immobilien-Imperium.
Dahinter stehen diese drei Brüder.
Sie haben Milliarden mit Internet-Start-Ups
wie Zalando verdient.
Und investieren nun Millionen in Immobilien
– in ganz Deutschland.
Warum machen sie das?
Die Urbanstraße 67 in Berlin Kreuzberg.
Ein Vorderhaus mit zwei Hinterhöfen.
Michael Brauchli lebt seit 17 Jahren in der
ehemaligen Fabrik.
Wie viele seiner Nachbarn, die hier wohnen
und arbeiten, hat er einen Gewerbemietvertrag.
Im vergangenen Jahr wurde der Gebäude-Komplex
verkauft.
Im März bekommt er die Kündigung.
Mitten im Corona Lockdown.
Eigentlich dachte ich, die sind doch wahnsinnig.
Das war Wut und Panik.
Gleichzeitig, also auch weil ich gemerkt hab,
das ist mein Kiez, das ist mein Zuhause, das
ist mein Leben, das sind meine Nachbarn.
Und dann hab ich richtig gemerkt, das war
wie so: Uhmp.”
Bereits vor einem Jahr haben wir hier gedreht
und die Bewohner bei ihrem Kampf um ihr Haus
begleitet.
Damals erfuhr Malina Peekhaus, das ihr Haus
verkauft werden soll.
Auch sie hat Angst, dass sie aus ihrer Wohnung
raus muss.
“Ich leb' seit 23 Jahren hier, in der Zeit
war der Eigentümer auch immer derselbe.
Und ich bin in dieser Wohnung - dort hinten
in dem Zimmer - geboren, bin mit meinen beiden
Schwestern hier aufgewachsen, und meiner Familie.
Meine Freunde sind hier, meine Grundschule
war hier.
Also, mein Leben spielt sich in diesem
Kiez einfach ab.”
Wir wollten damals wissen: wer steckt hinter
diesem Kauf?
Und stießen dabei auf eine Firma, die mit
Immobilien bislang gar nichts zu tun hatte.
Rocket Internet.
Eine Internet-Startup-Firma, gegründet von
den Samwer-Brüdern.
Zusammen mit dem “SPIEGEL” beginnen wir
unsere Recherche zum Immobilien-Imperium der
Samwers im Frühjahr 2019.
Sie sind die Copy-Paste Könige des World
Wide Web.
Ihr Prinzip: Geschäftsideen aus dem Ausland
kopieren, groß machen und dann teuer verkaufen.
So haben sie mit ihrer Firma Milliarden verdient.
Zu ihren Firmengründungen gehören:
Jamba
Delivery Hero
home 24
HelloFresh
Helpling
und unzählige weitere von denen viele schon
wieder vom Markt verschwunden sind.
Ihre wohl bekannteste Investition: Zalando.
“Ich sag immer, der liebe Gott ist relativ
fair.
Er lässt im Internet schneller größere
Unternehmen bauen, er lässt sie schneller
Giganten bauen.”
Doch der göttliche Glaube an das eigene Geschäftsmodell
scheint bei den Brüdern nicht mehr so groß.
Ihre neue Leidenschaft: Betongold.
Bevorzugt investieren die Samwer-Brüder in
Gewerbeimmobilien.
In Berlin gehören prestigeträchtige Häuser
wie das Ullstein-Haus oder der Admiralspalast
den Samwers.
Für Stadtforscher Simon Wieland hat das einen
ganz bestimmten Grund.
Gewerbemieter sind weniger geschützt als
Wohnungsmieter.
Mietpreisbremse, Mietendeckel in Berlin und
auch Milieuschutzgebietsverordnung sind solche
Maßnahmen, die uns als Mieterinnen und Mieter
schützen.
Anders sieht das aus im Gewerbe-Segment.
Da gelten diese ganzen Schutzmechanismen nicht.
Und wenn der Vertrag ausläuft, kann der Vermieter
die Miete unbegrenzt erhöhen.
Und ich muss dann einfach schauen, wo ich
als Gewerbetreibender bleibe.”
Allein im Berliner Zentrum haben sie mit Geschäftspartnern
für mindestens 150 Millionen Euro Häuser erworben.
Aber auch in anderen Großstädten sind sie
am Immobilienmarkt aktiv - beispielsweise
in Düsseldorf, Regensburg und Hamburg.
Im Fokus: Gewerbeimmobilien in guten Lagen.
Wie wertvoll ihr Immobilien-Portfolio in Deutschland
ist, das wollen die Samwer-Brüder uns nicht
verraten.
“Die Samwer-Brüder sind sehr clever und
sehr geschickt im Finden von Geschäftsmodellen.
Und wenn ein Geschäftsmodell in gewisser
Weise einen Erschöpfungsgrad erreicht, dann
wird in das nächste gewechselt - und da sind
wir mittendrin jetzt mit dem Immobilienengagement.
Das ist die neue Quelle, mit der man jetzt
den Reichtum bei den Familien Samwer mehren
will.”
Wir begleiten Malina Peekhaus im Mai 2019
zur Hauptversammlung von Rocket Internet.
Sie hat sich ein Rederecht organisiert.
Sie will Fragen stellen - und zwar dem Vorstandsvorsitzenden
Oliver Samwer.
Der erklärt, warum sein Konzern in Immobilien
investiert: Rocket Internet sitzt zu diesem
Zeitpunkt auf 2,6 Milliarden Euro Cash.
Wir dürfen hier keine Fragen stellen.
Malina Peekhaus will wissen, ob sie Angst
vor einer Kündigung haben muss.
“Oliver Samwer hat unsere Fragen beantwortet,
hat gesagt, dass er vorhat, sich an die gesetzlichen
Rahmenbedingungen zu halten.
Es gab ein müdes Lächeln, als wir das Gruppenfoto
von unserem Haus übergeben haben.
Ja, ich glaube, er weiß sich gut auch zu
verkaufen.”
Ein Jahr später ist klar.
Die Skepsis war berechtigt.
Um ihr Haus vor Spekulationen zu schützen
hatten die Bewohner der Urbanstraße eine
Genossenschaft gegründet, um mit Hilfe der
Stadt Berlin ein Vorkaufsrecht zu erwirken.
Doch der Versuch scheiterte.
“Wir haben regelmäßig große Hausversammlungen
gemacht.
Und dann saßen wir zusammen, mit 20 Leuten.
Und dann kam jemand vom Bezirk und sagte:
Sorry, ist nicht.
Und das war ein Moment, das war krass.
Da war eine Stille und Traurigkeit.”
“Diese Ohnmacht gegenüber vom Kapital.
Das klingt ganz einfach, aber es ist wirklich
schlimm gewesen, so mitzubekommen, da ist
jemand oder da ist ein Unternehmen, das sehr
viel Geld hat, dagegen kann ich nichts machen.
Egal wie viel Geld ich reinbuttern würde.
Es wäre nicht genug gewesen, um diesen Kampf
hier zu gewinnen.”
“Es glauben ganz viele in dieser Stadt,
inklusive mir, mir wird das nicht passieren.
Und ich find, eigentlich rausschreien an alle:
Organisiert euch, bevor ihr verkauft seid.”
Um einen Überblick über die Immobilien der
Samwers zu bekommen, recherchieren wir wochenlang
in deutschen Grundbuchämtern.
Denn die Brüder haben ihren Immobilienbesitz
in einer Vielzahl von Unterfirmen organisiert,
die in sich verschachtelt sind: Mal heißen
sie Verus, mal Pergamos Due, GRC Germany 1,
Skalimmo, Atonis, Augustus oder Aramis – ein
kaum zu durchschauendes komplexes Geflecht
an Beteiligungen, mit denen die Samwer-Brüder
ihr Immobilienreich mehr und mehr ausbauen.
Für Mieter kaum durchschaubar:
In diesem Samwer-Immobilienimperium weiß
keiner eigentlich, dass es denen gehört.
Und der erste Schritt ist Transparenz, dass
die, die betroffen sind von der Veränderung,
beispielsweise indem sie gnadenlose Mieterhöhung
bekommen, beziehungsweise viele andere Instrumente
eingesetzt werden, damit sie das Haus verlassen,
damit es gentrifiziert werden kann, das ist
jetzt überhaupt erst bekannt geworden.
Das Schiller's in Berlin-Neukölln - die
Kneipe von Waldemar Schwienbacher.
Auch dieses Haus kauften die Digital-Unternehmer.
Die Miete sollte massiv erhöht werden, erzählt
er uns im November 2019.
Das wäre das Ende gewesen, für ihn, seine
Kneipe und das günstige Bier der Kiezbewohner.
Das sind ja Leute, die haben diese Kneipe,
wo sollen die hin.
Sie haben keinen Anlaufpunkt mehr.
Sie können nicht einfach ein Bier trinken
da für 2,50 bis drei Euro, da sind ja die
Preise dann für fünf Euro.
Das können sich die Hartz-IV- Leute mit den
420 Euro gar nicht leisten.
Fast hätte Waldemar Schwienbacher resigniert.
Dann kam Jana Treffler.
Ihre Mieterinitiative organisierte den Protest
– erfolgreich.
Auch die Nachbarn freuen sich.
Der Kneipier nimmt nun weiterhin ihre Päckchen
an.
– Das ist auch so eine Ironie des Schicksals
irgendwie.
Waldemar nimmt immer die ganzen Pakete von
den Leuten hier aus der Umgebung an und da
sind natürlich auch viele Zalando-Pakete
bei und Waldemar sagt dann natürlich nichts
und gibt die weiter.
Bis August 2021 darf das Schillers noch bleiben.
Für 800 Euro mehr Miete.
Im Fall von Michael hat Rocket Internet die
Kündigung nach Protesten zurückgezogen.
Die Hausverwaltung spricht von einem Versehen.
Doch für Michael war es trotzdem ein klares
Signal.
Er hat nun selbst gekündigt.
“Ich weiß ja jetzt, dass sie kein Bedürfnis
haben mit mir zu sprechen, sondern mich einfach
kündigen.
Es ging mir nicht gut die Zeit.
Dieses Hoch und Runter.
Ich hab das jetzt das erste Mal erlebt, dass
ich so verdrängt werde.
Deshalb war mir klar, ich möchte diesen Zustand
hier beenden.
Weil ich hab keine Perspektive, dass ich hier
20 Jahre weiterleben kann.
Keine Chance.”
Auch Malina muss nun endgültig aus ihrer
Wohnung raus, in der sie seit ihrer Geburt
lebt.
Ihr wurde eine kleinere Mietwohnung im Vorderhaus
angeboten.
Sie überlegt, ob sie das Angebot annimmt.
Und so wird es in der ehemals lebhaften Fabrik
immer ruhiger, bis schließlich der nächste
bezahlbare Wohn-und Arbeitsraum in Berlin
verschwunden ist.
Sollte Wohnraum in Deutschland Kapitalanlage
sein?
Was denkt ihr?
Schreibt es uns in die Kommentare.

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